Finanzwissen: Was sind eigentlich Optionsscheine?

In der heutige Folge von „Finanzwissen“ möchte ich auf Optionsscheine eingehen, denn ich habe das Gefühl, dass diese Finanzinstrumente allmählich wieder in Mode kommen. Optionsscheine (im folgenden OS genannt) sind dabei wie ein Genussmittel: Missbrauch kann schaden!

OS sind zunächst kompliziert und man kann sie auch nicht wirklich vereinfachen. Wer also kein Interesse an diesen Papieren hat, der sollte jetzt aufhören zu lesen und mit seiner Zeit lieber was anderes anfangen. OS gehören zur Familie der Finanzderivate. Es handelt sich also um Werte, die sich auf einen anderen Wert (Basiswert) beziehen. Es gibt mehrere Arten und Variationen. Die „normalen“, also die klassischen OS sind aber schon derart komplex, dass ich auf hochspekulative Sonderformen verzichten möchte.

Ein Optionsschein verbrieft das Recht, einen Basiswert innerhalb einer gewissen Frist zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Beispiel: Ein Liter Bier kostet heute einen Euro. Mein kleiner Bruder sagt mir heute zu, dass ich bei ihm bis zum 01.07.2015 einen Liter Bier zu 1,10€ beziehen darf. Steigt der Preis über 1,10€, dann hat er ein Problem, denn er muss auf meinen Wunsch zu 1,10€ liefern. Ist der Preis am 01.07.2015 unter 1,10€ dann werde ich mein Optionsrecht nicht ausüben, denn Bier am freien Markt wäre günstiger. Mein kleiner Bruder möchte von mir für dieses Recht eine Prämie in Höhe von beispielsweise 5 Cent haben.

Ein Optionsgeschäft funktioniert genau so, wie im Beispiel beschrieben. Der Käufer einer Option erwirbt das Recht etwas zu einem bestimmten Preis, innerhalb einer bestimmten Frist, zu kaufen oder zu verkaufen. Wird nun dieses Recht verbrieft und an der Börse gehandelt, dann spricht man von einem Optionsschein. Um im Beispiel zu bleiben: Mein kleiner Bruder muss mir, sofern ich möchte, am 01.07.2015 einen Liter Bier zu 1,10€ liefern. Nun steht der Bierpreis am 01.06.2015 bei 1,50€. Mein kleiner Bruder bekommt also kalte Füße. Der Optionsschein hat einen sogenannten inneren Wert; er ist im Geld. Was würde mir ein Dritter an der Börse für diesen Schein bezahlen? Vermutlich so um die 40 Cent.

Würde die Option nun ablaufen, dann hätte ich also 40 Cent verdient. Mein Kapitaleinsatz waren aber nur 5 Cent. Das heißt ich habe meinen Einsatz verachtfacht, obwohl der Bierpreis nur von 1,00€ auf 1,40€ gestiegen ist. Optionsscheine haben also eine Hebelwirkung sowie ein asymmetrisches Gewinn- & Verlustprofil. Bei der Bewertung von OS gibt es viele Kennzahlen, denn nicht nur der Preis der Basis beeinflusst den Optionspreis. Auch die Volatilität und vor allem auch der Zeitablauf bestimmt den Preis eines OS.

OS, die einen inneren Wert haben sind mit einer Fußballmannschaft vergleichbar, die in einem Spiel vorne liegt: Mit jeder Minute, die der Abpfiff näher kommt, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Sieges. Hat der OS keinen inneren Wert, so hat er trotzdem einen Preis. Liegt die Mannschaft hinten, dann bestünde trotzdem noch die Chance, dass die Mannschaft gewinnen könne. Mit Ablauf der Zeit wird diese Chance aber kleiner. Der Faktor Zeit wirkt dann belastend. Wie der Zeitablauf auf den OS wirkt gibt die Kennzahl Theta an. Bei der Bewertung von OS gibt es noch weitere griechische Kennzahlen. Eine hübsche Übersicht findet man hier.

Was kann man mit OS tun? Man könnte zum Beispiel eine Kapitalgarantie bauen. Hierzu kauft man für den Anlagebetrag eine Nullkuponanleihe. Ein zehnjähriger Zerobond kostet aktuell ca. 94% und wird zu 100% zurückbezahlt. Die ersparten 6% investiert man in einen Long-Call. Verfällt der OS wertlos, dann hat man noch kein Geld verloren. Entwickelt der OS einen Wert, dann partizipiert man an der Basis. Eine solche Konstruktion macht nur in einem höheren Zinsniveau Sinn.

Sogenannte Verkaufsoptionen (Put) kann man zu Absicherungszwecken einsetzen, denn man verdient hier bei fallenden Kursen. Wer sein bestehendes Aktiendepot gegen Kursverluste absichern möchte, der kann einen Put auf seine Aktien kaufen. Fallen die Aktien, dann steigt der OS; steigen die Aktien, dann verliert der Put. Das Depot wird damit quasi eingefroren; es steigt nicht mehr und fällt nicht mehr. Der Put-OS ist wie eine Versicherung.

Mit OS kann man aber auch spekulieren. Man kann auf steigende und fallende Kurse setzen. Hauptanreiz für ein Nutzen von OS ist die Hebelwirkung. Doch vorsicht: Der Hebel wirkt in beide Richtungen und nicht selten ist das Geld komplett weg. Ein Verlust, der den Einsatz übersteigt, ist mit OS nicht möglich; dies geht nur auf der Short-Seite bei echten Optionen. Mit OS kann man fast jede Marktmeinung zu Geld machen und die Portfoliorendite entsprechend optimieren. Von Instrumenten wie „binären Optionen“ würde ich die Finger lassen. Hierbei handelt es sich um abgewandelte OS, die selbst ich nicht mehr verstehe.

OS, die an der Börse gehandelt werden, unterliegen einer gewissen Aufsicht. Auch werden sie bei Emission vom Aufsichtsamt geprüft und erfüllen einen Standard. Bei abgewandelten OS und beispielsweise sog. CFDs muss dies nicht so sein. Hier handelt es sich um intransparente Geschäfte, die meist in Zypern abgewickelt werden. Gegen klassische OS spricht hingegen nicht viel. Sie dienen der Absicherung, der Konstruktion einer Strategie oder der Renditeoptimierung. Sie sind wie Salz in der Suppe: Richtig eingesetzt bieten sie einen Mehrwert. Missbrauch und Übertreibung kann aber auch Schaden anrichten.

Wichtiger Hinweis: Irrtum vorbehalten. Der Kauf von Finanzinstrumenten erfordert Angemessenheit, Geeignetheit und eine ausführliche Beratung bzw. den ausdrücklichen Verzicht auf Beratung seitens des Anlegers. Dieser Text stellt keine Beratung dar. Marktpreise können und werden fallen, steigen oder gleich bleiben. Eine risikolose Geldanlage gibt es nicht. Investments mit Hebel sind für die meisten Anleger weder angemessen noch geeignet. Es gibt hier spezielle Risiken. Wer solche Instrumente nutzt, sollte genügend Erfahrung und Kenntnisse haben. Neben mikro- und makroökonomischen Risiken spielen beim Spekulieren auch psychologische Risiken eine Rolle. Dieses Posting hat viele fachliche Details weggelassen. Wer OS handeln möchte, benötigt dringend weitere Informationen.


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Mail: JennyGERmail-blog (at) yahoo.de

liebe Grüße, eure Jenny

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10 Antworten zu “Finanzwissen: Was sind eigentlich Optionsscheine?

  1. Hallo Jenny,
    Was ist der Unterschied zwischen einer „Option“ und einem „Optionsschein“ ? Wo Kann ich was handeln und wer ist der Emittent?
    „Optionen“ und „Optionsscheine“ sind nicht dasselbe. 🙂 🙂 😉
    Schmunzelhase !
    MfG

    • Hallo Momo,
      Optionen sind Termingeschäfte mit festen Kontraktgrößen an der Terminbörse. Das ist etwas für professionelle Anleger. Optionsscheine vebriefen ein Optionsrecht und sind in kleineren Größen an den „normalen“ Börsen handelbar.

      lg

    • Hallo Jenny,
      Danke für Deine Antwort. Meine Intuition war das Emi-Risiko.Optionen sind standardisiert und haben kein Emi-Risiko (Manipulation & Totalausfall). Optionsscheine haben ein hohes Emi-Risiko (sind hoch manipulativ über die implizite Vola und haben ein Totalausfallrisiko bezüglich des Emi.
      lg
      momo

    • Das Emi-Risiko ist bei den meisten OS das kleinste Risiko, aber dennoch ein Risiko.

      lg

  2. Hier ein echter Optionsschein auf eine Gute und Fröhliche Weihnacht:

    Besser geht nicht! 🙂 🙂 😉

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